Amblyopie

Amblyopie (funktionelle Sehschwäche) bedeutet, dass das Gehirn nicht gut erkennen kann, was das Auge (oder selten auch beide Augen) anschaut. Und das, obwohl die Augen organisch gesund sind oder eventuell ein Brechungsfehler bereits mit einer Brille auskorrigiert wird.

Die Sehschärfe ist nicht angeboren, sondern entwickelt sich im Zusammenspiel von Auge und Gehirn. Sobald ein Kind nach der Geburt die Augen öffnet, beginnt die Entstehung der Sehschärfe. Diese Entwicklung dauert Monate. Anfangs kann ein Baby nur hell und dunkel unterscheiden. Im zweiten Monat lernt es, die eigene Hand mit den Augen zu verfolgen oder selbst festgehaltene Gegenstände mit dem Blick zu fixieren. In dieser Zeit führt die Hand die Augen. Erst nach 5 bis 6 Monaten lernt das Baby, Dinge zu sehen und danach zu greifen. Ab jetzt führen die Augen die Hand. Dabei wird das Bild, das im Gehirn entsteht, immer klarer und deutlicher. Bis zum Beginn des Schulalters sind das Auge und das gesamte Sehvermögen weitgehend "ausgewachsen".

Amblyopie (funktionelle Sehschwäche) bedeutet, dass das Gehirn nicht gut erkennen kann, was das Auge (oder selten auch beide Augen) anschaut. Und das, obwohl die Augen organisch gesund sind oder eventuell ein Brechungsfehler bereits mit einer Brille auskorrigiert wird.

Es gibt mehrere Gründe, warum sich die Sehschärfe nicht normal entwickeln kann.

Die häufigsten Gründe sind:

  • Beide Augen schauen nicht in dieselbe Richtung - das Kind schielt. Um nicht ständig Doppelbilder sehen zu müssen, "schaltet" das Gehirn ein Auge "ab", es entwickelt eine funktionelle Sehschwäche.
  • Das Auge hat nicht scharf sehen gelernt, weil es wegen eines Brechungsfehlers eine Brille gebraucht hätte.
  • Das Auge kann nicht gut sehen, weil einzelne Teile (Hornhaut, Linse oder Glaskörper) über längere Zeit trüb und nicht durchsichtig genug waren oder das Augenlid die Pupille verdeckt hatte (Ptosis).

In der Regel ist von den genannten Störungen nur ein Auge betroffen. In diesen Fällen wird das Bild des "schlechteren" Auges vom Gehirn unterdrückt und kann so auch nicht für das räumliche Sehen genutzt werden. Weniger häufig sind beide Augen von der Amblyopie betroffen. Dann kann überhaupt kein scharfes Bild entstehen, was in seltenen Fällen bis zur Blindheit (Restsehvermögen weniger als 2 Prozent) führen kann.

Malen oder Dinge erkennen kann ein Kind mit Ambylopie in der Regel dank des "besseren" Auges noch ausreichend gut. Zum sicheren Abschätzen von Entfernungen braucht das Kind aber räumliches Sehvermögen, also die Seheindrücke von beiden Augen. Wenn dieses beidäugige Sehen nicht ausreichend entwickelt werden konnte, kann das Kind  beispielsweise den Ball schlecht fangen oder greift Dinge erst beim zweiten oder dritten Versuch sicher. Auch im späteren Leben sind all die Tätigkeiten nicht möglich, für die ein gutes beidäugiges Sehen nötig ist. Das betrifft je nach Ausmaß der Amblyopie  eventuell auch den Führerschein oder die Berufswahl.

Wenn das bessere Auge durch Krankheit oder Verletzung schlimmstenfalls dauerhaft nicht mehr sehen kann, kann das sehschwache Auge nicht einspringen. Im Erwachsenenalter gelingt ein nachträgliches Training in aller Regel nicht mehr.

Die Amblyopie wird oft früh erkannt, wenn das Kind stark und erkennbar schielt: Es wird frühzeitig der Augenärztin oder dem Augenarzt vorgestellt. Kinder mit geringem Schielwinkel, der nur mit speziellen Untersuchungen festgestellt werden kann, werden aber häufig nicht rechtzeitig untersucht. Auch andere Gründe für eine Amblyopie fallen im Alltag oft erst spät auf.

Um eine Amblyopie festzustellen, muss die Sehfähigkeit eines Kindes überprüft werden. Bei Kindern, die noch zu jung sind, um zu sagen, was sie sehen, ist das schwieriger als bei solchen, die Gegenstände oder Richtungen schon benennen können. Ein Hinweis kann sein, wenn ein Kind beim Verdecken des gesunden Auges heftige Abwehrbewegungen macht.

Augenärzte können die Augen eines Kindes in jedem Alter sicher und umfassend untersuchen, angeborene oder frühkindliche Erkrankungen wie Linsentrübungen oder Netzhautveränderungen objektiv erkennen; bei Verdacht darauf sowie auf andere möglicherweise zu einer Amblyopie führenden Augenerkrankung ist dies auch schon in den ersten Lebenstagen bis -wochen sinnvoll.

Bei der Untersuchung  untersucht und misst die Augenärztin oder der Augenarzt auch

  • die Funktionsfähigkeit wie Sehschärfe, Brechkraft, Zusammenarbeit beider Augen.
  • die Beweglichkeit und Stellung beider Augen.
  • ob die Augen kleine Strukturen (z.B. die Position der Öffnung eines Ringes) erkennen können.

Auch das familiäre Risiko, eine Amblyopie zu entwickeln, wird berücksichtigt. So sind Kinder aus Familien, in denen z.B. erhöhter Augeninnendruck (Glaukom) oder Linsentrübung (Katarakt) vorkommen, besonders gefährdet. Leiden die Kinder unter einer dieser Erkrankungen, muss frühzeitig gehandelt werden, um eine Amblyopie zu vermeiden.

Die deutlichste Entwicklung des Sehvermögens findet in der Zeit bis zum Ende des zweiten, auch noch bis zum vierten Lebensjahr statt. Deshalb kann in dieser Zeit auch der größte Schaden für das Sehvermögen entstehen.

Wenn die Augenärztin oder der Augenarzt Ursachen festgestellt hat, die zu einer Amblyopie führen könnten, müssen zunächst diese behandelt werden. Wichtig ist es, die notwendige Therapie dann auch umzusetzen, also beispielsweise eine verordnete Brille zu tragen oder eine nötige Operation nicht hinauszuzögern.

Wenn sich bereits eine Amblyopie ausgebildet hat, wird versucht, das schwächere Auge gezielt zu trainieren. Das geschieht meistens durch das Abkleben des stärkeren Auges (sogenannte Okklusion). Zwar ist die Okklusionstherapie für das Kind anfangs oft unangenehm, weil die Sehkraft ja plötzlich deutlich schlechter ist als vor dem Pflaster, aber schon bald wird die Verbesserung der Sehfähigkeit des schwächeren Auges im wahrsten Sinne des Wortes "sichtbar". Je nach Befund muss das Pflaster nicht den ganzen Tag bzw. jeden Tag getragen werden, aber einige Stunden sind es in jedem Fall.

Wenn die Okklusionsbehandlung keinen ausreichenden Erfolg zeigt, kann es daran liegen, dass das Pflaster nicht oft und lange genug getragen wurde oder dass die Seheindrücke während der Zeit des Abklebens nicht intensiv genug waren.

Führt eine alleinige Okklusionsbehandlung nicht zu dem gewünschten Erfolg, ist bei einigen Patienten ein zusätzliches computerbasiertes Training zu überlegen. Das Auge wird dadurch unter Okklusion besonders intensiv trainiert. Das Kind konzentriert sich auf ein Videospiel auf dem Bildschirm, im Hintergrund bewegt sich ein Streifenmuster in einer bestimmten Art und Weise über den Bildschirm und soll das Auge stimulieren. Diese Art der Therapie ersetzt die Okklusionstherapie nicht, sondern soll sie unterstützen. Diese Methode gehört noch nicht zu den allgemein üblichen Behandlungsverfahren, wird aber aktuell weiter wissenschaftlich erforscht.

Grundsätzlich kann eine gezielte Behandlung bis zum 10. - 12. Lebensjahr eine Amblyopie mitunter deutlich verbessern. In jedem Fall muss das Sehvermögen auch nach Abschluss der ersten Behandlung immer weiter trainiert werden.

Wenn man auf einem Auge eine Amblyopie entwickelt hat und das gesunde Auge verletzt wird oder erkrankt, sind die Folgen naturgemäß sehr schwerwiegend. Studien haben zudem gezeigt, dass diejenigen, die von einer einseitigen funktionellen Sehschwäche betroffen sind, ein höheres Risiko haben zu erblinden als solche mit zwei gut sehenden Augen.

Die Entwicklung der Sehschärfe findet in der Kindheit statt. Ab einem Alter von ungefähr 10 Jahren ist eine Entwicklung einer Amblyopie kaum noch zu befürchten. Auf der anderen Seite ist aber aus dem gleichen Grund mit zunehmendem Alter auch die Möglichkeit, eine Amblyopie erfolgreich zu behandeln, stark eingeschränkt.

Textnachweis

  • Autor: Dr. med. Utta Petzold, Ärztin
  • Medizinische Qualitätssicherung: Dr. med. Alf Reuscher, Augenarzt, und Dr. rer. medic. Ursula Hahn, Ärztin

Literatur

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  • Zentrum Bayern Familie und Soziales www.zbfs.bayern.de (Abruf vom 28.10.2013)
  • Gesetz über Hilfen für Blinde und Gehörlose www.dbsv.org (Aufgerufen am 28.10.2013)
  • Fahrerlaubnis-Verordnung www.gesetze-im-internet.de (Abruf vom 28.10.2013)
  • Berufsverband der Augenärzte Deutschland, Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft: Leitlinie 26a Amblyopie, Stand November 2010 (Abruf vom 28.10.2013)
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  • V. Tommila, A. Tarkkanen: Incidence of loss of vision in he healthy eye in amblyopia. Br J Ophthalmol. 1981, 65: 575-577.
  • J.S. Rahi, S. Logan, C. Timms , I. Russell-Eggitt, D. Taylor: Risk, causes, and outcomes of visual impairment after loss of vision in the non-ambylopic eye: a population-based study. Lancet 2002, 350(9333): 597-602

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Webcode dieser Seite: s000523 Autor: Utta Petzold Erstellt am: 28.10.2013 Letzte Aktualisierung am: 10.12.2015
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